Ist es möglich, Goethes Faust als ein Erkenntnisdrama zu erleben?
VON NIKLAS HOYME | FEBRUAR 2026
Im Sinne einer gemeinschaftlichen inhaltlichen Arbeit der Jugendsektion für dieses Frühlingshalbjahr, haben wir uns vorgenommen, mithilfe des Jugendkurses Goethe und sein Lebensdrama, den Faust, zu erforschen. Was hat dies mit unserer heutigen Zeit zu tun?
Zu Beginn des Faust finden wir Faust in einer Situation vor, in der er verzweifelt an dem Denken, dass er sich in den Studienmöglichkeiten seiner Zeit erarbeiten konnte.
Er verzweifelt an der Unmöglichkeit, durch dieses Denken die Brücke zum Inneren der Natur, zum Leben selbst zu finden. Heute kann jeder diese Dramatik empfinden, das Denken ist schwach geworden, das gewöhnliche Bewusstsein lebt in den Vorstellungen von der Welt.
Dieser Todeshauch kann untergründig erlebt werden. Bald wird Faust von Mephisto dazu angeregt werden, das Denken überhaupt zu fliehen, zugunsten eines echten Lebens –"Verachte nur Vernunft und Wissenschaft."
Faust kann unter diesem Blick zu einem Okular für die eigene Situation werden: Wie stehe ich selbst im Lebensdrama von unbewusstem Tod und ungeahntem Leben im Denken? Denn in vielen Alters- und Jugendtendenzen unserer Zeit ist die Flucht vor dem Denken groß geworden. Doch ist es möglich, den Blick zu weiten?
Rudolf Steiner, der einer Jugendgeneration zu Beginn des 20. Jahrhunderts begegnete, die stark die Flucht vor dem Denken in Gefühls- und Naturmystik ergriff, wollte mit den 13 Vorträgen im Jugendkurs ihren Blick auf das Denken erweitern. Das Denken schlägt die Wunde und heilt sie auch.
Diese Blickerweiterung zu erarbeiten, ist ein erster Schritt auf dem Wege zur Faust Aufführung am 10.–12. Juli. Wir beginnen mit einigen Vorbereitungsstunden, zurzeit wöchentlich am Sonntagabend, in der Erarbeitung des Jugendkurses.
Schon mit dem ersten Vortrag im Jugendkurs eröffnet sich eine ungeahnte Perspektive auf das Heute: Die Jugendaufgabe unserer Zeit beginnt mit dem Verständnis der Wunde unseres Kulturraumes. „Wir haben Goethe und den mitteleuropäischen Kulturimpuls vergessen“ und stehen vor einer Welt, die sich aus einem materialistischen Erkenntnisbegriff und seinen Lebensfolgen speist. Dieses negative Erbe muss zum Bewusstsein kommen, sodass sich der Blick auf die geistigen Vorreiter wieder eröffnen kann.
In den Untergründen des Geisteslebens der Welt liegt gleichsam eine Kette, die von der Vergangenheit in die Zukunft hinüberreicht und welche die Generationen aufnehmen, forttragen, schmieden, fortbilden müssen. Diese Kette ist im intellektualistischen Zeitalter unterbrochen worden.
- Pädagogischer Jugendkurs S. 154
So verbindet sich die Arbeit am Jugendkurs mit dem Blick auf Goethe und seinem Lebensdrama, dem Faust – das Okular wird geschärft – das Schmieden beginnt.
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Für die gemeinsame Arbeit an diesem Thema treffen wir uns momentan wöchentlich Sonntags um 17:30 per Zoom.
Diese Treffen mit Zugang und weiteren Infos sind jeweils in unserem Veranstaltungskalender zu finden.
Herzliche Einladung dazu zu kommen!